die Muse betreffend / Geschichten & Emphehlungen

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22.08.2020

Wie ich einmal Buddhist war


Geboren am 27. Juni 1961 in Herford (NRW), starb er am 15. Mai 2019 in Pottenstein (Bayern).
Zwischen 2006 bis Spätherbst 2017 lebte Wiglaf Droste überwiegend in Leipzig.
Er war Musiker sowie Satiriker, vielleicht einer der Besten.
Der jungen Welt, einer überregionalen deutschen Tageszeitung, erklärte er einmal,
er sei Kommunist geworden,
"anders ist das alles nicht auszuhalten".



13.08.2020

der Typ unter den Typen


1889 wird in Wien ein Junge namens Ludwig Josef Johann Wittgenstein geboren.
Seine Mutter Musikerin, sein Vater ein wohlhabender Großindustrieller.
Das Palais Wittgenstein, der Anwesen der Familie, ist ein Zentrum des kulturellen Lebens in Wien.
Die Geschwister malen oder dichten, der ältere Bruder Paul wird sogar Pianist.
Nur der kleine Ludwig, der Jüngste, gilt als untalentierter Knabe. Erst mit vier Jahren lernt er zu sprechen.
Er studiert Maschinenbau, zuerst in Berlin, dann in Manchester. Er forscht zur Aerodynamik, baut Drachen und Propeller. Dann liest er ein Buch, das sein Leben verändert: The Principles of Mathematics. Der Mathematiker Bertrand Russell argumentiert darin, dass sich die gesamte Mathematik aus wenigen logischen Prinzipien ableiten lasse. Für Wittgenstein eröffnet das eine absolut neue Welt.

Er reist zu der etwa 200 Kilometer entfernten Universität in Cambridge und läuft geradewegs in Russells Vorlesung.
Dieser notierte dazu im Jahr 1911:
"Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten."
Wittgenstein lässt nicht locker.
"Er folgte mir und redete bis zum Abendessen", schreibt Russell.
Der
"hitzige Deutsche" gibt anschließend den Maschinenbau auf und schreibt sich in Philosophie ein.
Besessen vom Thema, so kommt er nachts mit Problemen nicht weiter, dann hämmert er beim Professor an die Wohnungstür. Er reißt Seminardiskussionen an sich. Beschwert sich bei George E. Moore, weil ihn dessen Vorlesungen nicht ausreichend fordern. Er hat kaum Freunde, Frauen interessieren ihn nicht, sein Lebensinhalt ist das Philosophieren.

Im jungen Wittgenstein findet Prof. Russell einen Studenten, einen Ziehsohn - und seinen Meister.
"Er hatte mich überzeugt, dass die Probleme der Logik zu schwer für mich waren", schreibt er eines Tages.
Wittgenstein ist 23 Jahre alt, sitzt jeden Tag in seinem Zimmer und brütet über philosophischen Problemen.
Weil er glaubt, so auf klügere Gedanken zu kommen, lässt er sich mehrmals täglich hypnotisieren.
Doch plötzlich ist Wittgenstein von der Furcht erfüllt, an der Universität verrückt zu werden,
noch bevor seine Arbeit vollendet ist. Er bricht aus. Erst lebt er in Norwegen, dann meldet er sich als Soldat für sein Heimatland Österreich-Ungarn und zieht in den Ersten Weltkrieg. Noch in Kriegsgefangenschaft vollendet er sein Hauptwerk, den Tractatus Logico- Philosophicus. Seine Hauptthese: Die logische Struktur von Sätzen zeigt die logische Form der Welt. "Alle Philosophie" sei also "Sprachkritik".

Nach der Heimkehr 1919 will er vom Millionenerbe, was ihm zusteht, nichts wissen. Er führt ein einfaches Leben als Dorfschullehrer, als Gärtner, schließlich versucht er sich als Architekt. Parallel denkt er weiter über die Philosophie nach. Sein Tractatus sorgt in der Zwischenzeit unter Philosophen für großes Aufsehen. Russell und Moore wollen Wittgenstein unbedingt wieder an die Universität zurückholen.

Nach vielen Jahren der Überzeugungsarbeit, willigt Wittgenstein 1929 ein. Doch um in Cambridge forschen und lehren zu können, braucht er den Philosophie-Abschluss, den er bisher nicht hat. Moore und Russell greifen ihrem Kollegen unter die Arme, erkennen den Tractatus als Doktorarbeit an und berufen der Form halber eine mündliche Prüfung ein. Die Verteidigung einer Doktorarbeit an der Universität in Cambridge:
"Das ist das Albernste, was mir je in meinem Leben vorgekommen ist", sagt der Doktorand, noch bevor ihm die Professoren Bertrand Russell und George Edward Moore ihre ersten Fragen stellen können. Die Diskussion bleibt kurz und der Prüfling stur, viel hat er nicht zu sagen.
Zum Abschluss klopft er den beiden Prüfern auf die Schulter und sagt:
"Macht euch nichts draus, ich weiß, ihr werdet es nie verstehen." Damit ist Ludwig Wittgenstein Doktor der Philosophie. Er bekommt seinen Lehrauftrag. Es ist trotzdem kein Happy End, denn bald hat er wieder das Gefühl, er sei an der Uni lebendig begraben. Um erneut in Einsamkeit zu arbeiten, wirft er 1947 zum zweiten Mal alles hin und verlässt Cambridge. Als Wittgenstein stirbt, hat er viele Manuskripte begonnen, aber kein zweites Buch fertiggestellt. Seine Philosophischen Untersuchungen, die sowieso kein Mensch so richtig versteht, erscheinen erst nach seinem Tod.

Heute würde sich Wittgenstein vermutlich für das Programmieren interessieren - wegen ihrer logischen Präzision. Während sich andere Informatikstudenten in diverse Netzwerke engagieren, würde er Außenseiter bleiben und nur an und für sich selbst arbeiten. Ob er es Überhaupt an einer modernen Universität aushalten könnte? Schwer zu sagen.
Und
"wovon man nicht sprechen kann", schrieb der einst untalentierte kleine Ludwig später in seinem großen Tractatus, "darüber muss man schweigen".